· 

Warum eine Scheidung gar nicht so blöd ist - Ein Scheidungskind erzählt

Niemand hatte die Absicht in Deutschland eine Mauer zu errichten und doch ging das Jahr 1989 als Jahr des Mauerfalls in die Geschichte ein.

Es geschah auch sicher nicht mit Absicht aus mir ein Scheidungskind zu machen und doch war ich zur Zeit der Wende eines von rund 140.000 minderjährigen Scheidungskindern.

Mit zweieinhalb Jahren war ich alt genug um zu registrieren, was um mich herum geschah, aber zu jung um alles wirklich zu verstehen und zu verarbeiten. Ich machte die Erfahrung, dass Dinge geschehen, die man nicht beeinflussen kann und dass es manchmal schwer ist das Leben so zu akzeptieren wie es ist.

Über 25 Jahre nach der Scheidung meiner Eltern blicke ich zurück und weiß, es war ein langer Weg bis zur Dankbarkeit.

 

Eltern sind auch nur Menschen

Wenn sich Eltern scheiden lassen, dann ist das für alle Beteiligten eine schwierige Situation.

Die Erwachsenen sind teilweise so sehr im Stress, dass es ihnen nicht immer gelingt ihren Kindern in dieser Zeit so beizustehen wie es der Nachwuchs bräuchte.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Eltern auf einmal zu schlechten Menschen mutieren, es ist viel mehr so, dass Kinder vielleicht zum ersten Mal die schmerzhafte Erfahrung machen, dass ihre Eltern, die vermeindlich unfehlbaren Übermenschen, in Wirklichkeit ganz normale Menschen sind und als solches nicht perfekt. Es dauerte einige Jahre bis ich das vollkommen akzeptieren konnte.

Egal ob es Eltern oder andere Vorbilder sind: Niemand ist perfekt.

 

Plötzlich Scheidungskind

Eine Scheidung ist ein (Lern)Prozess, mitunter sehr langwierig. Dieser Prozess besteht aus drei Phasen: Vor der Trennung/Scheidung, Vollzug der Trennung/Scheidung und Reorganisation nach der Trennung/Scheidung. In meinem Fall verliefen diese Phasen nicht unbedingt nach Lehrbuch, aber ich weiß, dass alle ihr bestes gegeben haben.

 

Ich war mit zweieinhalb Jahren in einem sehr jungen Alter in dem die Scheidung der Eltern einen gewissen Schaden anrichten kann. Die Persönlichkeit eines Kindes ist in diesem Alter noch nicht weit entwickelt. Als Kleinkind lebt man von der Bindung zu seinen Eltern. Emotionale Sicherheit ist enorm wichtig.

Ob und wie das Kind die Situation verkraftet hängt von verschiedenen Faktoren ab. Entscheidend ist vor allem wie die Erwachsenen damit umgehen. Damit steht und fällt alles, denn als Kind orientiert man sich an seinen Eltern und wenn diese verloren sind, wie kann da die Welt für das Kind in Ordnung sein? 

Kinder machen verschiedene Entwicklungsphasen durch. Man kann nicht pauschal sagen, wie sich Kinder grundsätzlich unter derart kritischen Lebensumständen fühlen und was sie grundsätzlich brauchen. Kinder sind Individuen und auch die Umstände sind sehr individuell. Eines steht jedoch fest: Kinder brauchen gerade in solchen Krisen eine altersgerechte Begleitung.

 

Seelische Schäden vorbeugen

Scheidungskinder gibt es heute fast wie Sand am Meer. Begegnungen mit ihnen sind ganz alltäglich. Vielleicht zu alltäglich? Bekommen Kinder in derartigen Situationen genug Halt und Betreuung um nicht nur möglichst unbeschadet, sondern auch gestärkt daraus hervorzugehen? Gibt es ein Bewusstsein dafür, was Scheidungskinder durchleben? Wie gehen Eltern damit um, wenn die Entscheidung zur Trennung getroffen wurde? Es gibt zahlreiche Anlaufstellen für Eltern in Trennung, werden diese auch genutzt?

Oft würde auch ein Besuch bei einem Therapeuten helfen und viel Zeit bei der Verarbeitung der Thematik ersparen. Besonders für das Kind kann eine therapeutische Begleitung von großer Bedeutung sein. Eltern lernen ihr Kind besser zu verstehen und Kinder können spielerisch erarbeiten was sich in nächster Zeit verändern wird, welche Chancen sich nun bieten und vor allem, dass sie nicht Schuld an der Situation sind. Das zu vermitteln gehört in geschulte und sensible Hände. Es geht nicht darum das Kind zu bedauern und in Watte zu packen, sondern es geht darum zusammen mit dem Kind die Situation erfolgreich zu meistern.

Viele Erwachsene unterschätzen häufig wie schwierig es für den Nachwuchs aber auch für sie selbst sein kann, um so erfreulicher ist es, dass das Thema immer mehr aus der Tabu-Zone in den Fokus rückt und immer mehr Eltern den Mut finden sich rechtzeitig Hilfe zu holen, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist.

 

Hallo Trauma!

Über 25 Jahre später weiß ich, dass die Trennung meiner Eltern für mich traumatisch war. Ich war noch zu klein um zu verstehen, dass es besser für alle ist, wenn Mama auszieht und ab sofort 200 km entfernt wohnt.

Es war schrecklich schmerzhaft meine Mutter am Bahnhof verabschieden zu müssen. Bilder die ich nie ganz vergessen werde.

Da stand ich als kleines Mädchen an einem sonnigen Tag am Bahnsteig und weinte bitterlich. Der Situation völlig ausgeliefert, war der Schmerz kaum zu ertragen. Ein letztes Mal zischte es, die schrille Pfeife des Schaffners ertönte. Tränen trübten meinen Blick, sodass ich die Orientierung und den Blickkontakt zu meiner Mutter verlor. Dann fuhr der Zug ab. Tschüß Mama. Hallo, gebrochenes Herzchen! Hallo Trauma!

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass mir jemand erklärt hat was das alles genau zu bedeuten hat, aber ich wusste, dass sie nicht wieder zurück kommt. Kinder begreifen mehr, als man ihnen oft zutraut und verkraften weniger als man ihnen ansieht.

 

Woher ich weiß, dass ich traumatisiert wurde? Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, gab es direkt danach und Jahre später Probleme die ohne Zweifel ihren Ursprung in diesem Abschnitt meiner Kindheit hatten. Mich plagten Albträume, starke Verlustängste, ein mangelndes Selbstwertgefühl, Misstrauen, Depressionen und ich fühlte mich miserabel jemanden am Bahnhof verabschieden zu müssen. (Später lernte ich, dass das ein Trigger war.)

Mittlerweile verstehe ich mich selbst viel besser und konnte mit Hilfe einer wunderbaren Therapeutin die Thematik endlich wirklich aufarbeiten. Das ist ein Prozess, der noch nicht vollständig abgeschlossen ist, auch dieser Artikel hilft mir dabei und ich lerne immer mehr über mich und was mit mir passiert ist.

 

Besuchskind

In den darauffolgenden Monaten nach der Scheidung war ich etwas durcheinander. Ich schlief schlecht und hatte Albträume.  Einer der glücklichsten Momente in dieser Zeit war der Auftritt von David Hasselhoff auf der Berliner Mauer mit dem Song I´m looking for freedom. (Ich war sehr klein, ok? Da freut man sich über sowas.)

 

Mit drei Jahren kam ich in den Kindergarten. Meine Entwicklung gab damals keinen Anlass zur Sorge. Hin und wieder hatte ich Trotz- oder Wutanfälle, die aber in diesem Alter für normal empfunden wurden. Wie es in mir tatsächlich aussah wusste niemand.

Es gab geregelte Besuchszeiten und so traf ich meine Mutter in regelmäßigen Abständen. So sehr ich sie auch manchmal vermisste, es war eine unangenehme Situation wenn sie mich besucht hat oder wenn ich sie ab und an übers Wochenende in der Großstadt besuchen musste. Die Spannung zwischen meinen Eltern bei der Übergabe war deutlich zu spüren. Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Kinder kriegen mehr mit als man denkt.

 

Vom Scheidungskind zum Stiefkind zum Scheidungskind

Nach ein paar Jahren veränderte sich mein Leben erneut auf unerwartete Weise. Mein Vater heiratete wieder und damit war ich plötzlich nicht nur Scheidungskind sondern auch Stiefkind.

Den Begriff des Stiefkindes oder der Stiefmutter kannte ich mit 5 Jahren nur aus Märchen. Obwohl das alles sehr neu war und auch etwas beunruhigend, ich freute mich auf meine neue Mama. 

Sie ist meine Bonus-Mama, nicht meine Stiefmutter. Letzteres ist so negativ behaftet, dass er in meinem Fall einfach nicht passt.

 

In den darauffolgenden Jahren lernte ich enorm viel für mein späteres Leben. Wie in Idealfamilien sind Liebe und Vertrauen auch die Grundzutaten für das Erfolgsrezept jeder Patchworkfamilie. Jedes Mitglied trägt entscheidend zum Familienleben bei und jeder einzelne muss ab und zu an sich arbeiten für ein harmonisches Miteinander.

 

Mit zwölf Jahren machte ich dann wieder die Erfahrung, dass es für Ehen einfach keine Garantie gibt.

Die wichtigste Erkenntnis die ich damals machte war: Nimm dein Glück selbst in die Hand und gehe deinen eigenen Weg.

 

Krise als Chance

Trotz allem waren die Scheidungen die beste Lösung die die Erwachsenen finden konnten.

Schließt sich eine Tür, öffnet sich eine andere. Durch die Krise erlangte ich Stärken und Fähigkeiten die bis heute enorm wertvoll sind. Nicht nur in Bezug auf meine jetzige Lebenssituation als Teilzeit-Stief-Bonus-Wie-Auch-Immer-Mutter.

 

Eine Scheidung kann auch unverhoffte Vorteile mit sich bringen. Ich lernte meine Bonus-Mama kennen und durfte erfahren wie es ist, wenn man mehrere Mamas hat. Ich wurde mit sieben Jahren eine große Schwester und entwickelte eine innige Beziehung zu meiner Oma, die für mich immer ein sicherer Hafen war und mich aufzog wie ihr eigenes Kind.

Das sind ein paar Beispiele für positive Nebenwirkungen einer Scheidung und ich finde sie sind wunderbar.

Mich überkommt ein Gefühl tiefer Dankbarkeit für all diese Geschenke, die mir in meinem Leben gemacht wurden und die es ohne die Scheidung so nicht gegeben hätte. Ich würde nichts ändern oder mit irgendwem tauschen wollen. Das ist mein Weg und den gehe ich aus Überzeugung, weil ich weiß wofür es gut ist.


In jedem Ende liegt ein neuer Anfang

Eine Scheidung, das Trennen von Lebenswegen, ist ein schwieriger Prozess des Abschieds, der Trauer, des Umbruchs und der Veränderung. Eine Herausforderung für alle die daran beteiligt sind.

Man darf dabei aber nie vergessen: Egal was passiert, das Leben geht immer weiter und man hat absolut immer die Chance das beste aus seiner Situation zu machen.

 

Es braucht Zeit alles hinter sich zu lassen, aber irgendwann kommt der Punkt wo man erkennt wofür es gut war. Man erkennt, dass alles gut ist, genau so wie es ist.

Manchmal dauert es bis man sich eingestehen kann, dass man verletzt ist. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es ein langer Weg sein kann bis die Wunden verheilen können. Leidet man darunter, kann ich nur empfehlen sich Unterstützung z.B. bei einem Therapeuten zu holen bevor auch noch die Lebensqualität oder die Beziehung zum Partner oder Freunden darunter leidet. Häufig ist es so, dass die Folgen einer Scheidung erst viele Jahre später zu spüren sind.

 

Man bleibt immer ein Stück weit Scheidungskind, daran wird sich nichts ändern. Was man aber ändern kann, ist die Einstellung. Ist das Glas halb voll oder halb leer? Bin ich dankbar für das was ist oder trauere ich dem nach was nicht ist und niemals sein wird?

Vielleicht ist es an der Zeit sich für eine Weile auf eine intensive und spannende Reise zu sich selbst zu begeben. Es wird vermutlich auch etwas schmerzhaft sein und man möchte an manchen Stellen vielleicht lieber wieder umkehren, aber wenn man durchhält wird man womöglich am Ende mit innerem Frieden und Freiheit belohnt, weil man gelernt hat, dass alles gut ist wie es ist.

 

Manuel Mauer
Manuel Mauer

Quelle: Statistisches Bundesamt, profamilie, Traumatherapie Ruhr, Stufenmodell von Erik Erikson

Hier geht es zu den Rubriken...

Kommentar schreiben

Kommentare: 0